Damals in Polditown (1): „Die Taborstraße war früher eine wunderschöne Straße“

Im Jahr 2017 unternimmt polditown.at im Rahmen der Serie „Damals in Polditown“ Zeitreisen in die Vergangenheit der Leopoldstadt. Zeitzeugen erzählen in Gesprächen über ihre Erinnerungen an den zweiten Bezirk und ermöglichen so einen Einblick in die Leopoldstadt „von gestern“. Ein Stadtteil, der bis heute immer wieder großen städtebaulichen Veränderungen ausgesetzt war und der gleichzeitig wie kein anderer Wiener Bezirk die Geschichte der jüdischen Bevölkerung widerspiegelt. Am jeweils letzten Donnerstag eines jeden Monats im Jahr 2017 werden hier die ganz persönlichen Erinnerungen einer/s Zeitzeugin/en veröffentlicht. Erinnerungen, die, wie bei allen Oral-History-Projekten, niemals einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können. Teil 1 der Serie basiert auf den Erinnerungen von Lieselotte Breiner (Jahrgang 1940). Kommentare und Ergänzungen sind ausschließlich erwünscht, gerne auch per E-Mail an polditown@sastre.at.

Als ihre Familie das Geschäft an der Ecke Taborstraße/Blumauergasse gründete, regierten noch die Habsburger über die K.u.k.-Monarchie, die Leute gingen gegenüber nicht zum Hofer einkaufen, sondern zum Tanzen in den Bayrischen Hof (oder in sein Vorgängeretablissement Zur Prager Eisenbahn) und die Blumauergasse war noch eine Sackgasse. Über fünf Generationen hinweg versorgte man bei Schiessl die Kundschaft mit Stickereien, Nähzubehör und Knopfwaren, von Posamentrieknöpfen bis hin zu Perlmuttknöpfen aus dem Waldviertel. „Im 1. Weltkrieg hat mein Großvater zwei verarmte adelige Damen angestellt, die nicht mehr gewusst haben, wovon sie leben sollen. Also haben sie bei uns Knöpfe gehäkelt, so viele, das wir gar nicht mehr wussten wohin damit“, erzählt Lieselotte Breiner, geborene Welz, gut hundert Jahre später im Gespräch mit polditown.at.

Der Bayrische Hof (Taborstraße 39) war ein Hotel sowie ein beliebtes Veranstaltungslokal (Quelle: wien.at, Foto: ÖNB-Bildarchiv Austria)
Der Bayrische Hof (Taborstraße 39) war ein Hotel sowie ein beliebtes Veranstaltungslokal. Heute befinden sich dort eine Hofer- sowie eine McDonald’s-Filiale (Quelle: wien.at, Foto: ÖNB/www.bildarchivaustria.at, 1939)

„Ich bin im Geschäft aufgewachsen“, sagt Frau Breiner, die 1940 geboren wurde und als eine von drei Geschwistern schon früh von der Mutter in die Geschehnisse des Betriebs eingebunden wurde. „Mit elf Jahren habe ich meine erste Arbeiterin entlassen, weil sie sich nichts von mir hat sagen lassen. Ich war nicht gerne Chefin, aber ich musste mich halt durchsetzen bei den Mitarbeiterinnen“, so Breiner. Das Geschäft befand sich im Erdgeschoss (heute versorgt dort das Pancho den zweiten Bezirk mit mexikanischen Spezialitäten), die Familie bewohnte im zweiten Stock eine 140 Quadratmeter große Wohnung. „Eigentlich hätte in das Haus die Hauptpost kommen sollen, deshalb sind die Mauern mit dicken Eisenstäben verstärkt worden. Einmal hat ein Arbeiter einen Ofen in die Mauer einbauen müssen, der hat gedacht, er macht das mit links“, erinnert sich Breiner. „Er hat es natürlich irgendwann geschafft, aber das hat ganz schön lange gedauert.“

Dass sich die Wohnung im selben Haus wie der Betrieb befand, bedeutete für Frau Breiner, dass sie oft tagelang nicht das Haus verließ. „Es hat nie einen Grund gegeben, warum man nicht im Geschäft sein konnte. Wir haben meistens von sieben Uhr bis Mitternacht gearbeitet, am Wochenende wurden die Dinge erledigt, die sich unter der Woche nicht ausgegangen sind. Ich bin oft wochenlang nicht auf die Straße gekommen. Wenn ich es dann doch mal geschafft habe, bin ich mir wie in einem Theaterstück vorgekommen. Die Taborstraße erschien mir als riesige Kulisse und die Passanten waren die Statisten“, erinnert sich Lieselotte Breiner. Ihr Großvater stand jeden Morgen um fünf Uhr auf und ging zu Fuß von der Taborstraße bis zum Lusthaus im Prater und wieder retour. „Er hat die Bewegung gebraucht, bevor er um sieben Uhr die Arbeiterinnen im Geschäft eingeteilt und um acht Uhr aufgesperrt hat.“

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Mit diesem Wanderer ging es für Lieselotte Breiner und ihre Familie zum Schwimmen an die Alte Donau (Foto: Privatsammlung Lieselotte Breiner)

Der Name des Betriebs, Schiessl, war weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Für das Carltheater in der Praterstraße wurden jeden Tag vor den Vorstellungen die Unterröcke der Kostüme plissiert. Haute Couture-Aufträge wurden genauso ausgeführt wie Bestellungen für das Burgtheater, die Staatsoper oder den bekannten Modeschöpfer Fred Adlmüller. Sogar originale Schottenröcke wurden in der Taborstraße plissiert und anschließend wieder zurück nach Schottland geschickt, „dabei mussten wir peinlichst genau darauf achten, dass unsere Falten perfekt zu den Mustern der unterschiedlichen schottischen Clans passten“, erzählt Breiner. „Wir haben immer alle Sachen gemacht, die die Konkurrenz nicht zusammengebracht hat und haben uns immer irgendwie zu helfen gewusst. Dadurch haben wir uns einen sehr guten Ruf erarbeitet“, sagt Lieselotte Breiner. So kam es, dass sich auch die Prominenz bei Schiessl blicken ließ. Burgschauspielerin Susi Nicoletti und Entertainerin Marika Rökk ließen bei Schiessl sticken und nach dem 2. Weltkrieg kam Karl Lagerfeld in das Geschäft in der Taborstraße, um sich dort von ihrer Mutter das Plissieren erklären zu lassen. „Einen Vormittag ist er bei uns im Geschäft gestanden und hat sich alles ganz genau angeschaut“, so Breiner. Die Geschichte des Betriebs endete erst in den 1990ern, als ihr Sohn aufgrund der sinkenden Nachfrage das Geschäft auflöste.

Innenansicht Schiessl (Foto: Privatsammlung Lieselotte Schiessl)
Innenansicht Schiessl (Foto: Privatsammlung Lieselotte Breiner)

So wie auch das Geschäft, veränderte sich die gesamte Taborstraße im Laufe der Zeit. „Die Taborstraße war früher eine wunderschöne Straße, durch die es sich ausgezahlt hat, entlang zu schlendern. Und in jedem Geschäft haben mindestens drei Personen gearbeitet, die auch tatsächlich davon leben konnten“, erzählt Breiner. Die Praterstraße sei dagegen nie eine gute Geschäftsstraße gewesen, da sie bis heute zu breit sei. Gefrühstückt wurde gerne im Cafe Niebauer schräg gegenüber (Taborstraße 37, heute BAWAG/PSK), wenn Breiners Familie essen gehen wollte, war das Hotel Stefanie die erste Adresse („obwohl auch der Bayrische Hof einen guten Ruf hatte“). Die neuesten Filme sah die junge Lieselotte Breiner im Tabor-Kino (bis 1996 im Gebäude des heutigen Hotel Central City, Taborstr. 8, mit 1.000 Sitzplätzen eines der größten Wiener Kinos) oder im Helios-Kino (zuletzt Taborstraße 36, bis 1988, heute Deichmann-Filiale). Zum Schwimmen ging es mit dem Auto an die Alte Donau, „wir hatten das erste Auto in der ganzen Blumauergasse, einen Wanderer“, erzählt sie. Im Wurstelprater hießen die bevorzugten Beschäftigungen Dosenschießen, Ringelspiel und Toboggan. „Jede von uns drei Schwestern durfte dreimal auf einem der Fahrgeschäfte fahren und jedes Mal wenn es in den Prater ging, wurden wir vorher von unserer Mutter ordentlich aufgeputzt“. Zum Prater ging es von der Blumauergasse meist über die Heinestraße. Die Novaragasse wurde dabei, so gut es ging, gemieden. „Dort war das Hurenviertel, als anständiges Mädchen ist man dort nicht durchgegangen“, betont Lieselotte Breiner abschließend.

Ufa-Theater (aus dem später das Tabor-Kino hervorgehen sollte), im Gebäude des Central-Hotels (Taborstraße 8, Foto: ÖNB/www.bildarchivaustria.at, 1944)

Polditown.at dankt dem Bildarchiv Austria sowie Lieselotte Breiner für die Zuverfügungstellung von Fotos im Rahmen der Serie „Damals in Polditown“. 

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