Damals in Polditown (3): „Das Wohlmutkino war ein Patschenkino“

Im Jahr 2017 unternimmt polditown.at im Rahmen der Serie „Damals in Polditown“ Zeitreisen in die Vergangenheit der Leopoldstadt. Zeitzeugen erzählen in Gesprächen über ihre Erinnerungen an den zweiten Bezirk und ermöglichen so einen Einblick in die Leopoldstadt „von gestern“. Teil 3 der Serie basiert auf den Erinnerungen von Helmut Holzer (Jahrgang 1952). Kommentare und Ergänzungen sind ausschließlich erwünscht, gerne auch per E-Mail an polditown@sastre.at.

Es gab Zeiten, da stand der junge Helmut Holzer jeden Tag um drei Uhr in der Früh auf, um die zweihundertfünfzig Meter von der Engerthstraße bis zur Donau zu marschieren. Dort warf er gemeinsam mit einem Freund in aller Früh die Angeln aus, gefischt wurden Bracken, Barben oder Nerflinge. „Als ich nach Hause gekommen bin, hat mein Vater die Fische zubereitet. Ich habe sie aber nie gegessen, mir hat immer davor gegraust“, blickt Holzer im Gespräch mit Polditown.at zurück.

Helmut Holzer 1967 beim Fischen an der Donau

Der gebürtige Burgenländer kam im Alter von vier Jahren mit seiner Familie in den zweiten Wiener Gemeindebezirk. „Das war 1956, als auch die ganzen Ungarnflüchtlinge von der ungarischen Grenze nach Wien weitergezogen sind“, erzählt Holzer. Ihre Zelte schlugen die Neu-Wiener in der Engerthstraße 211 auf, wenig später folgte der Umzug auf die 237B. „Wenn die Donau Hochwasser hatte, ist dort immer das Wasser gestanden und die Mama hat im Keller immer das Wasser gehabt. Dann hat die Feuerwehr kommen und alles auspumpen müssen. Das ist erst besser geworden, als sie den Damm erhöht haben.“ Die Volksschule besuchte er in der Schönngasse, anschließend ging es in Hauptschule und Polytechnische in der Feuerbachstraße. Doch der Lebensmittelpunkt blieb stets die Engerthstraße, wo Holzer auf Nummer 231-233 dreiundvierzig Jahre lang gewohnt hat.

Im Alter von sechzehn Jahren verließ er 1968 die Schule und heuerte im Städtischen Kühl- und Lagerhaus an. „Auf der Einserstiege unserer Wohnhausanlage hat einer gewohnt, der Chef im Lagerhaus war. Der hat mich mal mit dorthin genommen und das hat dann halt gepasst“, erzählt Holzer. Zum Lagerhaus gehörte damals unter anderem jenes Gebäude am Handelskai, in dem heute ein Hotel der Hilton-Gruppe residiert, während das Kühlhaus in der Engerthstraße (Nr. 257) 1984 geschlossen wurde (heute befindet sich an dessen Stelle das Pensionistenheim Prater). Im Lagerhaus war Holzer unter anderem für das Ausladen von Waggons und LKWs zuständig, Teppiche, Porzellan und viele weitere Waren wurden so von Holzer quasi in Wien in Empfang genommen. Für die Fünftagewoche gab es damals ein Gehalt von 550 Schilling. „Das hat natürlich nicht gereicht, deswegen habe ich bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr noch bei meinen Eltern gewohnt“, sagt Holzer. Später war er für weitere Firmen als Lagerarbeiter tätig, darunter auch für die Spedition A. Kühner und Sohn in der Lessinggasse.

Der junge Helmut Holzer auf dem (damals noch mit Autos verparkten) Stephansplatz, 1967

Der zwischenzeitliche Chef auf der Einser-Stiege war nicht der einzige Nachbar, der eine wichtige Rolle in Holzers Leben spielen sollte. Denn auf derselben Stiege wohnte auch ein gewisser Ernst Fiala, seines Zeichens Mittelstürmer bei der Wiener Austria. Für den „eingefleischten Fan“ der Violetten Helmut Holzer war das natürlich ein aufg’legter Elfer, immer wieder konnte er Autogrammkarten mit Originalunterschriften ergattern. Und obwohl der auf der 4er-Stiege wohnende Toni Fritsch beim Stadtrivalen SK Rapid unter Vertrag stand, freute sich Holzer trotzdem, als ihm dieser Autogramme von Spielern aus der 1968er-Saison der heimischen Nationalliga überreichte.

Helmut Holzer mit Freunden in der Engerthstraße, 1965

Seine Freizeit verbrachte der jugendliche Helmut Holzer vor allem im Wurstelprater: Autodrom, Rundschaukel und Toboggan hatten es ihm dort besonders angetan. „Und dann gab es noch die Todesfahrer auf ihren Motorrädern, die auf ihren Schultern eine zweite Person getragen haben. Von denen waren wir besonders fasziniert.“ Im Lustspiel- und Münstedtkino wurden gemeinsam die neuesten Kriminal- und Karatefilme angeschaut, während Holzer später im Wohlmutkino in der Wohlmutstraße seine Vorliebe für alte Klassiker entdeckte. „Das war aber eher so ein Patschenkino“, erinnert sich Holzer. Anschließend ging es ins 18er, ein gegenüberliegendes Kaffeehaus, das eben so wie seine Nachfahren und das Wohlmutkino (Hausnummer 15) längst die Pforten geschlossen hat. Ebenso längst Geschichte ist das Café Niebauer in der Taborstraße 37 (heute Bawag/PSK), eine 1867 gegründete Leopoldstädter Kaffeehausinstitution, in der Holzer in jüngeren Jahren ebenso gerne verkehrte. Die Gegend rund um den Praterstern war Holzer dagegen damals zu gefährlich, „im Café Gold oder im Café Budapest waren immer die Strizzis mit den Huren. Das war schon arg teilweise.“

Polditown.at dankt Helmut Holzer für die Zuverfügungstellung der Fotos im Rahmen der Serie „Damals in Polditown“. 

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