Praterschau im Wien Museum: „Des Wieners bester Freund“

Vom kaiserlichen Jagdidyll zum „Zentrum der Ablenkung vom Alltag“ in Zeiten der Wiener Weltausstellung; von der zwielichtigen und in die Jahre gekommenen Gstättn in den 60er und 70er Jahren bis hin zur kleinen Renaissance, die der Prater in Folge der Eröffnung des WU-Campus und der einsetzenden Gentrifizierung aktuell erlebt. Nicht ohne Grund wurde der Erholungsraum schon in den 1920er Jahren als „des Wieners bester Freund“ bezeichnet. Wohl kein anderer Ort der österreichischen Hauptstadt hat eine solch wechselvolle Geschichte zu bieten. Und zu wohl keinem anderen Ort in Wien pflegen die Wienerinnen und Wiener ein so ambivalentes Naheverhältnis. Grund genug, dass das Wien-Museum diesem vielschichtigen Gelände aus Anlass des 250-Jahr-Jubiläums unter dem Titel In den Prater! eine Ausstellung widmet, die am morgigen Donnerstag (10. März 2016) ihre Pforten am Karlsplatz öffnet.

Dem Direktor des Wien-Museums, Matti Bunzl, war die Freude über die Prater-Ausstellung während der Pressekonferenz zur Eröffnung der Schau regelrecht ins Gesicht geschrieben. Er, der in unmittelbarer Nähe zum Prater aufgewachsen ist und immer noch dort wohnt, bezeichnet den Prater als Ort, „an dem die Gesetze zwar nicht außer Kraft gesetzt sind, dennoch aber sehr viel möglich ist“. Was alles im Prater möglich ist, zeigt die von Kuratorin Ursula Storch zusammengetragene Schau. Der inhaltliche Bogen spannt sich von den Großfeuerwerken der Stuwer-Dynastie im heute nach ihr benannten Stuwerviertel bis hin zu modernen Fahrgeschäften im Wurstelprater sowie der Nutzung des Praters als Ausstellungsgelände.

wienmuseum_prater II„Der Prater erfindet sich immer wieder neu, auch weil er nicht von einer zentralen Vermarktung gesteuert wird und die Tradition durch die Praterfamilien gewahrt bleibt“, verweist Storch auf den wesentlichen Unterschied zu modernen Vergnügungsparks wie dem US-amerikanischen Disneyland. Auf diesen leicht „anarchischen“ Wesenszug des Wurstelpraters nimmt auch Bunzl Bezug, wenn er sagt: „Der Prater ist organisch und ohne Masterplan gewachsen.“ Das jahrhundertelange Fehlen eines solchen Masterplans dürfte mitverantwortlich dafür gewesen sein, dass der Prater immer ein Begegnungsort war, an dem Treffen über alle Klassengrenzen und Ethnien hinweg viel leichter möglich waren. Frauen konnten sich hier ohne männliche Begleitung in eines der an der Hauptallee beheimateten Kaffeehäuser begeben, was in der vermeintlich feineren Innenstand damals noch als Tabu galt.

Gleichzeitig diente das Gelände immer wieder zur Flucht in die nostalgische Vergangenheit, eine Funktion, die vor allem nach dem Zusammenbruch der Monarchie im Jahr 1918 von großer Bedeutung war. Andere Attraktionen boten wiederum „Reisen“ zu weit entfernten Orten. Das 1801 eröffnete Panorama, in dem Rundbilder mit Stadtansichten aus London, Paris oder Prag gezeigt wurden, erfreute sich großer Beliebtheit. Genauso wie die aus heutiger Sicht menschenverachtenden exotischen Völkerschauen, bei denen Menschen aus Afrika in künstlich erschaffenen Dörfern der Wiener Öffentlichkeit präsentiert wurden.

wienmuseum_prater histDurch die ständig neuen Großprojekte war der Prater immer wieder baulichen Veränderungen ausgesetzt und nicht nur einmal wurden Stimmen laut, dass dadurch der „alte Prater“ für immer verloren gegangen sei. Für die Adria-Ausstellung im Jahr 1913 wurde gleich ein ganzes südländisches Stadtbild errichtet, inklusive elf Meter breitem Kanal. Der Vergnügungspark Venedig in Wien (Bild, Copyright: Wien Museum) breitete sich auf 50.000 Quadratmetern aus, 20.000 Besucherinnen und Besucher konnten sich pro Tag auf einen Streifzug durch venezianische Straßenzüge und Paläste machen. Nur die wenigsten von ihnen dürften es naturgemäß zu einer Fahrt mit einer der auf den Kanälen verkehrenden Gondeln gebracht haben. Veranstaltungen und Attraktionen dieser Größe sind heute längst aus dem Praterbild verschwunden, in ihrer riesigen Dimension sind sie für den heutigen Praterbesucher nur noch schwer vorstellbar. Neben dem einen oder anderen Fahrgeschäft ist lediglich das 1897 – ursprünglich als provisorische Attraktion – errichtete Riesenrad aus dieser Zeit übriggeblieben. Wer sich das in der Ausstellung präsentierte Riesenrad-Modell näher anschaut, dem werden die historischen Waggons mit sechs Fenstern ins Auge stechen. Wer diese in Originalgröße sehen will, der kann dies seit wenigen Tagen wieder tun, denn am Riesenrad werden derzeit die „alten“ Kabinen (vier Fenster pro Seite) gegen Nachbauten der historischen Waggons (sechs Fenster) ausgetauscht. Fährt man mit einem dieser Waggons hinauf in den Wiener Himmel, hat man übrigens auch einen prächtigen Blick auf das im Planetarium befindliche frisch renovierte Pratermuseum. Dort genießen Besucherinnen und Besucher der Prater-Ausstellung am Karlsplatz (unter Vorlage ihrer Eintrittskarte) freien Eintritt. Zahlreiche weitere Veranstaltungen, unter anderem die stets beliebten Stadtexpeditionen sowie eine Filmreihe im Filmmuseum, runden die Prater-Aktivitäten des Wien-Museums in dessen Jubiläumsjahr ab.

Die Ausstellung In den Prater! ist bis 21. August 2016 im Wien-Museum am Karlsplatz zu sehen (Erwachsene 10 Euro, ermäßigt 7 Euro). Informationen zur Ausstellung unter www.wienmuseum.at.

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