Praterleut‘ (2): Karl Friedrich Habel

Im Jahr 2016 jährt sich die Öffnung des Praters für die Bevölkerung zum 250. Mal. Grund genug, im Rahmen der Serie „Praterleut’“ Menschen und ihre Prater-Institutionen vorzustellen. Für Teil 2 habe ich mich mit Karl Friedrich Habel getroffen, der als Geschäftsleiter der Interrace Rennbahn Management die Geschicke der Galopprennbahn Freudenau leitet.

freudenau_habelMit dem Prater kam Karl Friedrich Habel schon in frühester Kindheit in Verbindung. „Nach dem Krieg bin ich als kleiner Bub gemeinsam mit meiner Mutter zum Holzklauben über die zerschossenen Brücken des Donaukanals hinüber in den Prater. Später kam ich her und habe mit Pfeil und Bogen gespielt. Als Halbstarker waren wir dann im Wurstelprater unterwegs, Ringelspiel, Wuzzler und solche Sachen.“ Angetan war Habel schon damals von jenen Pferden, die immer wieder mit ihren Reitern im Prater zu sehen waren. Diese Faszination ist dem Geschäftsleiter der Galopprennbahn Freudenau bis heute geblieben.

freudenau_blicklogeSeit den 1960ern stand Habel mit dem Prater als Reitlehrer auch beruflich in Verbindung. Die Geschicke der Rennbahn leitet er seit den 1990ern, also seit einer Zeit, in der die ganz große Ära von Pferderennen in Österreich schon vorbei war. „Der Rennsport lebt ja in erster Linie von den Spielern und Wettern. Doch Ende der 1970er kamen neue Wettmöglichkeiten mit ganz anderen finanziellen Möglichkeiten auf den Markt. Bei ‚6 aus 45‘ hatte man die Chance, mehrere Millionen zu gewinnen. Wenn man hingegen auf der Rennbahn einen Schilling gesetzt hat, hat man im Erfolgsfall nur zwei Schilling zurückbekommen. Das war natürlich eine ziemliche Diskrepanz.“

Die Galopprennbahn Freudenau wurde 1839 eröffnet, 1858 erfolgten die Einweihung der von Carl Hasenauer im Historismus entworfenen Tribünen und 1868 fand das erste österreichische Derby statt. „Der Rennsport war damals eine Spielerei der Hocharistokratie. Die wollten sich untereinander beweisen, dass man der jeweils Bessere ist. In den folgenden Jahrzehnten haben sich die Galopprennen zu einem Gesellschaftsereignis entwickelt, an dem sich vom Schusterlehrbub bis zum Kaiser das ganze Volk ergötzt hat.“ Der Andrang führte dazu, dass ab 1909 mit der Linie 80 sogar eine eigene Straßenbahnlinie bis zur Rennbahn geführt wurde. Um den großen Ansturm zu bewältigen, wurden damals gleich zehn parallel verlaufene Gleise bei der Endstation in der Freudenau verlegt, um mit den darauf geparkten Garnituren das Publikum nach dem Rennen rasch abtransportieren zu können. Doch der Rennsportboom hatte schon damals einen entscheidenden Standortnachteil, so Habel: „Wien war stets nur der Präsentationsteller. Man besaß zwar die damals bedeutendste Rennbahn in der Monarchie, aber die Rennställe und Besitzer waren über die ganzen Kronländer verstreut. Dort gab es eine echte Pferdesporttradition, das spätere Österreich war hingegen nie ein Pferdeland.“

freudenau_stallDie meisten Rennställe lagen nach dem Zusammenbruch der Monarchie also plötzlich im Ausland. Der zweite Weltkrieg sorgte aufgrund zahlreicher Bombentreffer, die eigentlich den nahen Hafenanlagen gegolten hatten, für eine Verwüstung der Infrastruktur. In den 1960ern und 70ern erlebte die Anlage dann ihre letzte große Blütezeit. Doch durch die eingangs erwähnten neuen Wettmöglichkeiten und das Aufkommen anderer Freizeitgestaltungen war der langsame Niedergang der Anlage ab den 1980ern vorprogrammiert. Dieser wurde durch diverse gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen Eigentümern, alteingesessenen Pferdenarren und Betreibern zusätzlich beschleunigt. Als Frank Stronach, der sich zwischenzeitlich als Retter der Freudenau positionierte, schließlich südlich von Wien eine neue Anlage aus dem Boden stampfte und der Großteil der Pferdesportequipe seinem Ruf in die niederösterreichische Prärie folgte, schien der Freudenau letztes Stündlein geschlagen. „Bis 2007 haben wir noch Rennen unter dem offiziellen Reglement veranstaltet, dann stand endgültig fest, dass der Rennsport kaputt ist“, sagt Habel. Heute finden neben Hochzeiten und Großveranstaltungen wie Autopräsentationen nur noch Privatrennen statt. Für Aufmerksamkeit sorgte die Rennbahn als Teil der Videoeinspielungen im Rahmen des Neujahrskonzerts 2016. Pferde stehen aber natürlich auch heute noch in den Ställen, neben aktiven Rennpferden vor allem Sportpferde und Fiaker.

freudenau_auszahlungDoch für den Geschäftsführer ist das Ende dieser „Perle von Wien“ als Rennbahnstandort noch nicht endgültig besiegelt. „Natürlich gäbe es Möglichkeiten, hier wieder professionelle Rennen zu veranstalten“, gibt sich Habel optimistisch. „Die ehemaligen Kronländer sind ein Beispiel dafür, dass der Rennsport lebt. Wenn wir hier eine gute Dotation schaffen sollten, würden auch die Engländer, Deutschen und Franzosen kommen.“ 35 bis 40 Renntage á 7 bis 8 Rennen wären grundsätzlich auf der bis heute größten Rennbahn Europas möglich, die Saison würde dann, wie zu Kaisers Zeiten, von April bis November dauern. Nur einen Kaiser, den wird man wohl nicht mehr so schnell in der Loge auf der unter Denkmalschutz stehenden Tribüne zu Gesicht bekommen.

get in contact: Galoprennbahn Freudenau, Freudenau 65, www.freudenau.at

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