Leopolds Bücherstadt (3/3): Lhotzkys Literaturbuffet

Sein ausgeprägtes Interesse für Bücher verdankt Kurt Lhotzky unter anderem dem Lyriker Herbert Wadsack. „Ich konnte schon lange vor der Schulzeit lesen und hatte das große Glück, später in der Städtischen Bücherei am Brigittaplatz auf Herbert Wadsack zu treffen“, erzählt Lhotzky. Wadsack, Schriftsteller und ehemaliger Fabriksarbeiter, war zwischen 1957 und 1972 als Bibliothekar im 20. Bezirk tätig. „Er war es, der mich nach Rücksprache mit meinen Eltern schon im Alter von zehn Jahren Bücher der Erwachsenenabteilung lesen ließ und mich in den literarischen Kanon eingeführt hat“, erzählt Lhotzky.

lhotzkypersonNoch in  seiner Jugend plante Lhotzky eigentlich Journalist zu werden. Im Rahmen eines Praktikums bei der APA merkte er jedoch schnell, dass ihm dieser Beruf doch nicht behagt. Nach Abbruch der Schule „hat mich dann der Buchhandel ereilt.“ Lhotzky begann im Kleinen Buchladen, einer „klassischen linken Buchhandlung“ im 9. Bezirk, wo er das Buchhandelsgeschäft von der Pike auf erlernte. Es folgten Anstellungen in diversen anderen Buchhandlungen.

Mit der Zeit entwickelte er gemeinsam mit seiner Frau Andrea schließlich das Konzept für eine Mischung aus Buchhandlung und Café. „Ich habe die Erfahrung als Buchhändler mitgebracht und meine Frau die Gewerbeberechtigung für die Gastronomie. Gemeinsam hatten wir recht vage Vorstellungen. Als wir das leerstehende Lokal in der Rotensterngasse gesehen haben, ist aber alles rasend schnell gegangen. Das war eine Sache von wenigen Wochen.“ Den Standort in der Leopoldstadt hatte sich das Ehepaar wohlüberlegt. „Wir haben uns auch andere Standorte angesehen, zum Beispiel im 7. Bezirk oder in der Nähe des Naschmarkts. Aber die Ecke hier hat uns deshalb so gut gefallen, weil wir gesehen haben, dass das eine lebende Wohngegend ist, in der damals ein Buchhändler als Nahversorger gefehlt hat.“

In den ersten Wochen und Monaten betrieben die beiden „lebendige Marktforschung“, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Bücher besonders nachgefragt werden. Mit der Zeit bildete sich schließlich ein allgemeines Sortiment mit unterschiedlichen Schwerpunkten heraus. Neben einem sehr gut sortierten Kinderbuchbereich sind dies „gute Bücher jenseits des Mainstreams“ aus den Bereichen Zeitgeschichte und Politik sowie Krimis. Auch zur Geschichte des zweiten Bezirks findet sich einiges im Sortiment, „wobei die Auswahl nach wie vor sehr gering ist“. Für Kurt Lhotzky wäre es ein lohnenswertes Unterfangen, wenn sich ein HistorikerInnen-Team eines Tages umfassend mit der vielfältigen Geschichte der Leopoldstadt auseinandersetzen würde. Wiewohl auch der Inhaber des Literaturbuffets, in dem auch sein Sohn tätig ist, selbst sehr viel zur Geschichte des zweiten Bezirks zu berichten weiß. So liegt Kurt Lhotzky unter anderem der Verein Steine der Erinnerung sehr am Herzen. Im Jahr 2009 übernahmen seine Frau und er die Patenschaft für den Gedenkstein für die 1942 von den Nationalsozialisten ermordete Schriftstellerin Lili-Grün. Darüber hinaus engagierten sich beide auch für die Benennung des kleinen Platzes am Ende der Heinestraße in Lili-Grün-Platz. Ein Vorhaben, das im Jahr 2009 schließlich (trotz Widerstand der FPÖ Leopoldstadt) vom Bezirk umgesetzt wurde.

Ganz generell sieht sich Kurt Lhotzky als Buchhändler in der Pflicht, „eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich Mainstream-Schinken und Bestseller hier staple, werden die Leute zugreifen, weil sie glauben, dass es sich um gute Literatur handelt. Wenn ich aber gute Literatur abseits des Mainstreams auflege, werden sie diese auch nehmen.“ Lhotzky nimmt diese Verantwortung auch in der Beratung hinsichtlich einzelner Titel wahr. „Ich kann mit Stolz behaupten, dass ich Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin nicht bestellt habe. Bis auf zwei Exemplare für Kunden, die sich wissenschaftlich mit diesem schrecklichen Buch auseinandergesetzt haben. Allen anderen haben wir von einer Bestellung abgeraten.“ Wie Kundinnen und Kunden darauf reagieren? „Der Großteil versteht das voll und ganz. Und diejenigen, die sich aufregen, bei denen weiß man, dass die politische Erziehung ohnehin nicht im Buchhandel stattfinden kann.“

Kurt Lhotzkys Buchtipps für Weihnachten:

lhotzkybuchtipp2Das fahle Pferd (Roman von Boris Sawinkow, 304 Seiten, Galiani-Berlin)
„Sawinkow war einer der großen sozialrevolutionären Terroristen der russischen Geschichte. Da er auch ein brillanter Schriftsteller war, hat ihn das damalige ZK der Sozialrevolutionäre aufgefordert, diesen Roman zu schreiben. Seine Auftraggeber waren nach Fertigstellung des Textes jedoch entsetzt, weil Sawinkow darin einen Helden beschrieben hat, der zugleich völliger Soziopath und Verfechter des schönen Attentats ist. Das Buch wurde hervorragend ins Deutsche übersetzt.“

Dictator (Roman von Robert Harris, 528 Seiten, Heyne Verlag)
„Den letzten Teil der Cicero-Trilogie empfehle ich sehr gerne. Es wird darin der Untergang der römischen Republik beschrieben, in der Cicero versucht zu retten, was noch zu retten ist. Ein ganz großartiger Roman, bei dem die Parallelen zur aktuellen politischen Lage sehr augenfällig sind.“

Die schützende Hand (Kriminalroman von Wolfgang Schorlau, 384 Seiten, KiWi)
„Ein brillanter Thriller, der die Geschichte der NSU-Mordserie in Deutschland aufarbeitet.“

lhotzkybuchtipp3Leise pieselt das Reh (Kinderbuch von Werner Holzwarth, 64 Seiten, Klett Verlag)
„Verdrehte Kinderlieder, die unheimlich witzig und frech sind.“


lhotzkybuchtipp1
Welt im Spiel (Spielbare Landkarten von Ernst Strouhal, 208 Seiten, Brandstätter Verlag)
„Ein prächtiger Band mit Landkarten, auf denen Spiele gespielt werden können. Neben den Anleitungen befinden sich auch Texte über die Geschichte und Herkunft der Spiele im Buch.“

get in contact: Lhotzkys Literaturbuffet, Rotensterngasse 2 – Web: www.literaturbuffet.com – Lhotzkys Literaturbuffet auf Facebook – E-Mail: office@literaturbuffet.com

Advertisements

1 Comment

  1. Schöne politische Anspielungen. Mir sagte einmal ein Fpö Funktionär: Wenn wir so schlecht sind, warum hat man die Partei nicht verboten? Und darauf folgte das übliche Ausgrenzungsgelaber …
    Der traditionelle Buchhandel hat es leider echt schwer. Ein reiner Verkauf ist da glaube ich zu wenig. Aber wenn die Leute nur mehr zum lesen und nicht mehr zum kaufen kommen ist das auch nicht zuelführend … Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Cafe + Buch schon die meisten Buchhandlungen anbieten – oder ähnliches zu mindesten

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s