Leopolds Bücherstadt (2/3): tiempo nuevo

In der Serie „Leopolds Bücherstadt“ präsentiere ich euch Leopoldstädter Buchhandlungen. Und weil wir uns mitten in der Vorweihnachtszeit befinden, gibt es dazu auch noch drei Empfehlungen für euren Gabentisch. Teil 2 widmet sich heute dem tiempo nuevo in der Taborstraße.

Der Zusatz „Genussbuchhandlung“ sorgte anfangs für Verwirrung. „Einmal stand eine Familie mit halbwüchsigen Kindern vor der Tür. Schließlich kam der Vater herein und hat gefragt, ob er die Kinder mit reinbringen kann, weil er dachte, dass es bei uns nur erotische Bücher gibt“, erzählt Alice Bohdal. Andere Kunden dachten, dass es lediglich Kochbücher gibt, weil für diese Genuss lediglich in direkter Verbindung mit Kulinarik stehen konnte. Das ist natürlich nicht ganz falsch, doch was das tiempo nuevo betrifft, geht der Genussbegriff noch viel weiter.

Als Quereinsteigerin eröffnete Bohdal 1998 ihre erste Buchhandlung. „Ich habe in der Schule schon immer gerne gelesen, habe dann Sprachen studiert und schließlich im internationalen Bereich gearbeitet. Es war aber stets der Wunsch da, etwas mit Büchern zu machen. Außerdem hat mir in Wien damals etwas gefehlt, was es in anderen Städten, vor allem im angloamerikanischen Raum, schon längst gab: Eine Buchhandlung, in der man gemütlich in Büchern schmökern und dazu etwas trinken konnte.“ Es folgte ein von der Wirtschaftskammer veranstalteter Crashkurs in Sachen Buchhandlung und eine Gastronomieausbildung. Das Ergebnis all dieser Überlegungen und Anstrengungen war schließlich das tiempo in der Johannesgasse in der Inneren Stadt. „Anfangs waren die Leute total skeptisch, eine Mischung aus Lokal und Buchhandlung kannten die Wiener damals nicht. Die Touristen dagegen kannten überhaupt keine Berührungsängste“, blickt Bohdal siebzehn Jahre später mit einem Lächeln zurück.

Im Dezember 2007 gründete Bohdal zusätzlich zum tiempo in der Johannesgasse das tiempo nuevo in der Taborstraße. „Die Idee dazu, auch in der Leopoldstadt eine Buchhandlung zu eröffnen, war schon früher da. Damals hatte ich mir am Karmeliterplatz ein kleines Lokal angeschaut. Ich konnte mich jedoch nicht mit dem Eigentümer der Immobilie einigen“, erzählt Bohdal. So dauerte es einige Zeit, bis sie eines Tages an einem leerstehenden Erdgeschosslokal in der Taborstraße vorbeikam. „Zu dem Zeitpunkt hatte die Buchhandlung Lhotzky auch schon aufgesperrt, aber ich wollte trotzdem etwas im zweiten Bezirk machen. Es hat sich dann sehr schnell herausgestellt, dass das ein sehr guter Standort für eine Buchhandlung ist, viel besser als im ersten Bezirk.“

Die Standortvorteile führten schließlich dazu, dass Bohdal das tiempo in der Johannesgasse im Jahr 2011 aufgab. „Die Gastro hat dort gut funktioniert, das Buchgeschäft eher weniger, weil es sehr viele Buchhandlungen im ersten Bezirk gibt. Hier wohnen wesentlich mehr Menschen, die uns als Grätzlbuchhandlung wahrnehmen. Die gehen dann nicht gleich in die Stadt, nur weil wir mal ein Buch nicht haben, sondern bestellen es bei uns. In Wahrheit sind wir in dieser Hinsicht ja auch schneller als der Onlinehandel, denn bei Bestellung am Vormittag liegt das Buch in aller Regel am nächsten Tag bei uns im Abholfach“, zählt Bohdal auch gleich noch einen Vorteil gegenüber dem Onlinehandel auf. Früher hatte das tiempo nuevo neben Kaffee und Wein auch noch kleinere Speisen oder Suppen im Angebot, mittlerweile gebe es in der Umgebung aber genug „coole Lokale“, sodass sich das kulinarische Angebot heute auf Kaffee, Wein und hin und wieder einen selbstgebackenen Kuchen beschränkt.

„Das Leben und Lesen genießen“, unter diesem inhaltlichen Leitmotto steht das tiempo nuevo. „Wenn man irgendwohin reist, und sei es nur im Kopf, gibt es bei uns zum jeweiligen Reiseziel passende Romane oder Kochbücher“, beschreibt Bohdal das Konzept. So finden sich im Portugal-Regal neben Reiseführern unter anderem auch Gedichte von Fernando Pessoa oder José Saramango sowie eine Literaturgeschichte der Hauptstadt Lissabon.

Weitere Schwerpunkte in Bohdals Buchhandlung, die auch privat ein großer Lateinamerika-Fan ist, liegen auf Büchern in einer der romanischen Sprachen (vor allem Spanisch und Italienisch), moderne Belletristik. Weiters im Angebot: Werke zur Geschichte der Leopoldstadt sowie zur jüdischen Geschichte Wiens. „Wir haben auch eine eigene Exilabteilung mit Büchern von Autorinnen und Autoren, die, wie zum Beispiel Ruth Klüger, aus Österreich vertrieben worden sind“, sagt Bohdal.

Lesungen von Autoren hat es schon im ersten tiempo in der Johannesgasse gegeben und so setzte die engagierte Buchhändlerin diese Tradition auch am Standort in der Taborstraße fort. „Die Räumlichkeiten sind für solche Veranstaltungen sehr gut geeignet, denn wir können den Raum flexibel aufteilen.“ So wird das tiempo nuevo zweimal im Monat zum Treffpunkt für Buchlieberhaberinnen und -liebhaber, die anschließend bei einem Glas Wein mit dem Autor über sein Werk sprechen können.

Berührungsängste mit der „Genussbuchhandlung“, wie sie Alice Bohdal zum Beispiel in Person des um die Unschuld seiner Kinder fürchtenden Familienvaters anfangs erlebt hat, sind so mittlerweile zur Seltenheit geworden.

Alice Bohdals Buchtipps für Weihnachten:

tiempobuchtipp1Die lange Straße aus Sand (Reisebericht von Pier Paolo Pasolini, 136 Seiten, Corso Verlag)
„’Die Lange Straße aus Sand‘ ist ein ganz tolles Buch. Es war lange vergriffen und wurde nun wieder neu aufgelegt. Pier Paolo Passolini, das Gartenbau zeigt übrigens derzeit den Film ‚Pasolini‘, hat 1959 eine Reise entlang der italienischen Künste unternommen. Er ist den ganzen Stiefel abgefahren und das Buch ist das Resultat dieser Reise. Es zeigt das Italien der 1950er Jahre, ein Land voller Armut, aber auch ein Land mit sehr lebensfrohen Menschen.“

tiempobuchtipp2Fast schon ein Ritual (Bildband von Emil Rennert und Shani Bar On, 112 Seiten, edition exil)
„In diesem Bildband mit teilweise zweisprachigen Essays geht es um österreichische Juden in New York, die dort seit eh und je einen Stammtisch haben, wo sie alte Geschichten und Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Österreich austauschen. Diese Stammtische haben auch den Zweck, dass man seine in der Kindheit erlernte Sprache nicht vergisst, wobei natürlich viele Vertriebene schon gestorben sind und die Nachfahren selbst nur noch Englisch können.“

tiempobuchtipp3Havanna Lesebuch (Geschichten und Anekdoten, zusammengestellt von Lucia Mennel, 220 Seiten, unartproduktion)
„Das ‚Havanna Lesebuch‘ ist gerade erst erschienen und passt sehr gut zur aktuellen politischen Situation, denn in Kuba ändert sich durch die Aufhebung des Embargos ja einiges. Das Buch ist teilweise zweisprachig (deutsch/spanisch) und es findet sich darin nicht nur Literatur, sondern auch Beiträge zu den Themen Afrokubanismus, Musik oder Politik. Es ist eine Art soziologische Bestandsaufnahme der Gesellschaft und gibt somit sehr interessante Einblicke.“

get in contact: tiempo nuevo, Taborstraße 17A – Web: www.tiempo.at – tiempo nuevo auf Facebook – E-Mail: nuevo@tiempo.at

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s