Leopolds Bücherstadt (1/3): Buchhandlung im Stuwerviertel

In der Serie „Leopolds Bücherstadt“ präsentiere ich euch Leopoldstädter Buchhandlungen. Und weil wir uns mitten in der Vorweihnachtszeit befinden, gibt es dazu auch noch drei Empfehlungen für den Gabentisch. Den Anfang macht heute die Buchhandlung im Stuwerviertel.

„Ich empfehle Bücher, für die ich auch selbst eine Leidenschaft entwickeln konnte. Das funktioniert wesentlich besser, als wenn man das empfiehlt, was halt gerade im Mainstream gehypt wird“, sagt Marius, der seit Anfang Oktober gemeinsam mit Alban die „Buchhandlung im Stuwerviertel“ führt.

stuwerbuch_mariusDie Buchhandlung in der Stuwerstraße 42 war bereits im Oktober 2014 eröffnet worden, der damalige Besitzer musste das Geschäft jedoch nach nur knapp einem Jahr wieder abgeben. „Ein Bekannter von mir hat vor drei Monaten gesehen, dass hier ein Nachfolger gesucht wird und mir Bescheid gegeben. Dann ist alles ganz schnell gegangen“, erzählt Marius. Mitte September gab es die ersten Gespräche, seit 1. Oktober 2015 führen Marius und Alban die Buchhandlung. Beide sind schon seit einiger Zeit befreundet und haben immer wieder mal auf Partys darüber gesprochen, dass sie gerne mal zusammen eine Buchhandlung aufmachen würden. Dass es dann so schnell ging, hatten beide dann aber doch nicht erwartet.

Marius brach vor einigen Jahren sein Geschichte-Studium ab, um mit 25 eine Ausbildung zum Buchhändler zu beginnen. „Eigentlich macht man das ja nach der Matura, aber ich habe das halt ein bisschen später reingeschoben. Mein Studium hat mich zwar schon interessiert, nicht aber der Unibetrieb und alles was damit zusammenhängt“, erklärt Marius. Das Interesse für Bücher stellte sich bei ihm erst nach der Schule ein. „Bei mir war es nicht so klassisch, dass ich schon als Kind alle Bücher verschlungen hätte. Die Art und Weise, wie man sich in der Schule mit Texten auseinandersetzen muss, hat mir das Lesen nicht gerade schmackhaft gemacht.“

Inhaltlich positionieren sich Marius und Alban als klassischer Nahversorger. Natürlich gibt es in der Buchhandlung im Stuwerviertel auch Belletristik und Sachbücher, die gerade stark nachgefragt werden. „Aber wir versuchen auch kleineren Verlagen Fläche zu geben, die im Buchhandel sonst nicht so präsent sind. Bei uns sollen die Kundinnen und Kunden Titel entdecken können, auf die sie sonst nicht gestoßen wären“, erklärt Marius das Prinzip. Darüber hinaus gibt es unter anderem Kinderbücher und Titel zur Leopoldstadt. Der hintere Raum, in dem sich unter dem Vorbesitzer ein Antiquariat befand, soll zunehmend auch mit Veranstaltungen und Lesungen bespielt werden. So präsentierte die Alternativ-Zeitschrift Malmoe hier kürzlich ihre neueste Ausgabe. Aber die beiden Buchhändler würden den Raum auch Personen oder Initiativen aus dem Viertel zur Verfügung stellen. „Leute aus dem Stadtteil, die eine gute Idee haben, können diesen Raum nutzen. Da sind wir für einiges offen“, erklärt Marius. Derzeit befindet sich in dem Raum zum Beispiel noch bis Weihnachten der Schmuckes zum Schusen-Stand.

Marius und Alban, die beide auch noch Nebenjobs haben, wohnen zwar nicht selbst in der Leopoldstadt, doch Marius ist schon lange vom zweiten Bezirk angetan. „Als ich vor acht Jahren nach Wien gekommen bin, habe ich im zehnten Bezirk gewohnt. Ich bin dann einmal durch die ganze Stadt gelaufen, auch über den Donaukanal hinein in die Leopoldstadt. Der eigene Charme mit den vielen kleinen Handwerksläden und der sichtbaren jüdischen Community haben mich sofort total fasziniert“, blickt Marius zurück. Fasziniert war er auch schon früh vom Stuwerviertel. „Freunde von mir haben hier gewohnt und für Wiener Verhältnisse hat das Viertel mit den Alleen und den vielen Bäumen in den Straßenzügen einen ganz eigenen Charakter. Das findet man sonst so nicht in Wien, außer vielleicht in Villenvierteln. Mich erinnert das immer an einen Berliner Kiez.“

Seit fast drei Monaten führen die beiden nun bereits die Buchhandlung im Stuwerviertel. Vor einigen Tagen fand die offizielle Einweihungsparty mit Lesungen und Musik statt. Und so sehr Marius in seiner neuen Eigenschaft als Buchhändler aufgeht, so nachteilig wirkt sich die neue Selbstständigkeit auf sein eigenes Leseverhalten aus: „Seit Übernahme der Buchhandlung komme ich selbst kaum noch zum Lesen.“

Marius‘ Buchtipps für Weihnachten:

Stuwerbuchtipp3Bibliothek der unerfüllten Träume (Roman von Peter Manseau, 448 Seiten, Hoffmann und Campe)
„Im Original heißt der Roman ‚Songs for the butchers‘ daughter‘, ein wesentlich passenderer Titel. Das Buch ist vor einigen Jahren erschienen, hat aber aus einem mir nicht erklärlichen Grund nie die Aufmerksamkeit erhalten, die es meiner Meinung nach verdient gehabt hätte. Der Roman erzählt die Geschichte des letzten jüdischsprachigen Schriftstellers Itsik Malpesch, der im heutigen Moldawien aufwächst, dort Pogrome miterlebt und schließlich über Odessa nach Amerika emigriert, wo er in der jüdischen Literatenszene heimisch wird. Ein Roman über eine bewegende Zeit in Europa und den USA der 1920er und 30er Jahre.“

Stuwerbuchtipp2Erschlagt die Armen! (Roman von Shumona Sinha, 128 Seiten, Edition Nautilus)
„Die in Frankreich lebende Autorin hat als Dolmetscherin für eine Asylbehörde gearbeitet und schildert in diesem Roman das dahinterliegende System aus ihrer Perspektive. Dadurch bietet sie sehr einen sehr interessanten Einblick in dieses brisante Thema, das derzeit in aller Munde ist. Bezeichnenderweise hat sie nach Veröffentlichung des Romans ihren Job verloren. Der Titel des Romans ist eine Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Charles Baudelaire.“

Stuwerbuchtipp1Sound of the Cities – Eine popmusikalische Entdeckungsreise (von Ole Löding und Philipp Krohn, 398 Seiten, Rogner & Bernhard)
„Das ist ein gutes Geschenk für all jene, die ein Faible für Musik und Musikszenen in verschiedenen Städten haben. Es ist eine Art musikalischer Reiseführer, der den Leser auf die Spuren von Musik-Subkulturen durch verschiedene Städte führt, in denen sich ein bestimmter Musiktypus entwickelt hat. Er geht auch der Frage nach, warum sich zum Beispiel bestimmte Musiktypen ausgerechnet in einer bestimmten Stadt entwickeln konnten. Ein liebevolles Buch, gerade erst erschienen, schön gemacht und perfekt zum Schmökern geeignet.“

get in contact: Buchhandlung Stuwerviertel, Stuwerstraße 42 – Web: www.stuwerbuch.at – Die Buchhandlung Stuwerviertel auf Facebook – E-Mail: info@stuwerbuch.at

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